Interview Geschäftsbericht 2020

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„Gesundheit und Krankheit haben immer etwas mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen zu tun.“

Die soziale Dimension der Covid-19 Pandemie

Nico Dragano leitet das Institut für Medizinische Soziologie an der Uniklinik Düsseldorf. Dort forscht er zu gesellschaftlichen Einflüssen auf die Entstehung, den Verlauf und die Behandlung von Krankheiten. In verschiedenen Studien hat er die soziale Dimension der Covid-19 Pandemie in Deutschland untersucht. Seit einigen Jahren ist er Referent zum Thema Arbeits- und Gesundheitsschutz in Seminaren für Betriebliche Interessenvertretungen bei Arbeit und Leben NRW. Im April 2021 haben wir für unseren Geschäftsbericht ein Interview mit ihm geführt.

Armut ist ein Gesundheitsrisiko, das ist schon länger bekannt. Woran liegt das?

Gesundheit und Krankheit haben immer etwas mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen zu tun. Zugang zu gesundem Essen, zu Sport, Freizeit oder Gesundheitsdienstleistungen sind Beispiele, die alle auch etwas mit dem Geldbeutel zu tun haben. Benachteiligung wirkt sich dann – wenn Armut sich verfestigt und dauerhaft wirkt – auf die Gesundheit aus. Das sind altbekannte, gut erforschte Fakten. Wir sehen Zusammenhänge mit nahezu allen wichtigen Krankheiten, sowohl bei übertragbaren als auch bei nicht übertragbaren Krankheiten.

Zu Beginn der Pandemie wurde trotzdem häufig gesagt „vor dem Virus seien alle gleich“, ihre Studie belegt das Gegenteil. Wie wirkt sich Armut auf das Risiko einer Covid-19 Erkrankung aus?

Es scheint ein Zusammenhang zwischen Armut und dem Risiko sich zu infizieren zu geben. Wir vermuten, dass dies verschiedene Gründe hat. Ein Faktor könnten beengte Wohnverhältnisse sein, die Infektionsrisiken bergen. Die Qualität der eigenen Wohnung, aber auch die des Wohnumfelds, sind ganz klar mit dem Einkommen assoziiert. Aber auch der Zugang zu Selbstschutz, beispielsweise FFP2-Masken, kann eingeschränkt sein, wenn die Mittel dafür fehlen. Das Infektionsrisiko kann aber auch mit der Arbeit zusammenhängen. Insbesondere schlechter bezahlte Jobs bringen häufig soziale Kontakte mit sich und dort ist das Infektionsrisiko höher. Der Weg zur Arbeit ist ein weiterer Aspekt. Es ist bekannt, dass in ärmeren Stadtvierteln mehr Mobilität über den öffentlichen Personennahverkehr stattfindet. Das sind Beispiele für Verbindungen zwischen Einkommenssituation und Infektionsrisiko. Der andere Punkt ist die Schwere der Erkrankung. Und jetzt sind wir wieder bei der ersten Frage. Häufig bestehen schon gesundheitliche Vorbelastungen. Eine problematische Lebenssituation ist zudem mit körperlichen Stressreaktionen assoziiert, auch das wissen wir seit langem. Stress wiederum ist schlecht für das Immunsystem. Diese Kombination macht Menschen dann anfälliger für schwerwiegendere Verläufe, wenn sie sich infizieren. So zeigen zahlreiche Studien, dass das Risiko ärmerer Menschen einen schweren Verlauf, auch bis hin zum Tod, zu erleiden statistisch erhöht ist.

Warum wird dem Thema bisher so wenig Aufmerksamkeit geschenkt?

Es ist schon vor Corona so gewesen, dass das Thema der gesundheitlichen Ungleichheiten in der öffentlichen Wahrnehmung nur eine geringe Rolle spielt. Wir haben beispielsweise ausgeprägte gesundheitliche Ungleichheiten bei Herzinfarkten, bei Depressionen, bei der Lebenserwartung oder der Kindergesundheit. All das war vorher schon da, erreicht aber selten die öffentliche Debatte. Woran das liegt, kann ich nur vermuten. Eine Hypothese ist, dass Deutschland sich nicht wirklich damit auseinandersetzt, dass auch wir eine Klassengesellschaft sind. Es gibt diesen Traum der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, der sich aber nicht mit der Realität deckt. Es bestehen nun mal ausgeprägte soziale und ökonomische Unterschiede in diesem Land. Und die führen eben dazu, dass auch die Gesundheit der Menschen mal besser, mal schlechter ist. Um sich damit auseinanderzusetzen, müsste man sich erstmal dem Grundproblem stellen, nämlich der sozialen Ungleichheit.

In Ländern wie den USA oder Großbritannien gibt es eine deutlich bessere Datenlage zu sozioökonomischen Faktoren der Bevölkerung. Was muss sich in Deutschland ändern?

In Großbritannien oder Skandinavien gibt es eine viel längere Tradition, zu diesen Themen zu forschen und zu publizieren. Man darf sich aber auch keinen Illusionen hingeben. Die Engländer messen das schon seit 200 Jahren. Es hat aber nicht dazu geführt, dass das Problem dort abgeschafft wurde. In Bezug auf Deutschland müsste jede Kommune zunächst die soziale und die Gesundheitsberichterstattung koppeln. Denn nur dann sehen sie überhaupt entsprechende Zusammenhänge. Die Stadt Bremen macht das beispielsweise, andere Städte beginnen jetzt damit. Sie haben in der aktuellen Situation verstanden, dass sie diese Daten brauchen, um zu sehen in welchen Stadtvierteln sich Erkrankungen häufen. In diesem Fall geht es um Covid-19, das kann aber auch etwas anderes sein, zum Beispiel Übergewicht bei Kindern. Wenn Kommunen sehen, dass diese Krankheiten vermehrt dort auftreten, wo ärmere Menschen mit schwierigen Arbeitsbedingungen wohnen, wo die Infrastruktur nicht so gut ist, dann können sie reagieren.

Ein anderer Punkt ist, dass wir generell keine guten Zugänge zu Routinedaten haben. In Deutschland enthalten diese, anders als in anderen Ländern, oft keine Angaben zur Demografie. Wenn man hier die Routinedaten aus den Intensivstationen nimmt, haben wir erst mal kaum Informationen, wer dort liegt: Welchen Job hat die Person gemacht, welchen Schulabschluss oder welche Ausbildung hat sie? Die Schweden wissen das beispielsweise, sie können für ihre Bevölkerung Berechnungen anstellen und entsprechend Probleme identifizieren. Hier muss in Deutschland nachgearbeitet werden.

Letztes Jahr wurden viele Menschen aus Rumänien und Bulgarien, die in Schlachthöfen oder in der Landwirtschaft als Saisonkräfte arbeiten, mit Corona infiziert. Anschließend hieß es teilweise, sie hätten das Virus aus den Heimatländern eingeschleppt und wären quasi selbst schuld. Hat Sie diese Argumentation überrascht?

Nein, das ist ein typisches Muster. Es gibt ein strukturelles Problem, in diesem Fall mit Arbeitsbedingungen und der Umsetzung des Arbeitsschutzes. Da ist es natürlich viel eleganter, das Problem den Leuten selber in die Schuhe zu schieben. Das ist ein immer wiederkehrendes Narrativ in diesem Zusammenhang. Man sieht beispielsweise ausgeprägte gesundheitliche Unterschiede und dann heißt es: „Ja, die sind halt selber schuld, weil die so viel rauchen.“ Ich weiß nicht, wie oft ich das schon gehört habe. In Wirklichkeit ist selbst Rauchen, was natürlich zweifellos gesundheitsschädlich ist, ein hochkomplexes Verhalten. Die Leute stehen nicht morgens auf und nehmen sich vor, Kettenraucher zu werden. Das ist auch eine Geschichte von Benachteiligung. Wir wissen, dass sich gesundheitliche Ungleichheit im Lebenslauf über lange Zeiträume aufbaut. Das sind Erfahrungen, die sie schon als Kinder machen. Bei Covid-19 weiß nach wie vor niemand, an welchen Orten genau sich die Leute infiziert haben, es dann ihnen selber in die Schuhe zu schieben, ist natürlich im besten Fall zynisch. Aber es ist eben eine wiederkehrende Argumentation, um von eigenen Versäumnissen abzulenken. Ein Klassiker.

In einer neuen Studie untersuchen Sie Infektionskurven in regionalen Zusammenhängen. Was haben Sie herausgefunden?

Wir haben uns in einem aktuellen Projekt angeschaut, in welchen Regionen in Deutschland Covid-19 Fälle auftreten und diese Informationen dann mit Daten zu Beschäftigung und Wirtschaftsstrukturen abgeglichen. In Regionen, in denen viel Industrieproduktion stattfindet und die Beschäftigungsquoten generell hoch sind, sind auch die Fallzahlen durchgehend erhöht. Das ist ein Zusammenhang, der dafürsprechen könnte, dass gerade Arbeit vor Ort in den Betrieben eine Quelle von Infektionen sein könnte.

Welche Rolle spielt der Wohnort sonst noch bei dem Risiko, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren?

Der Wohnort scheint generell sehr viel mit dem Infektionsgeschehen zu tun zu haben. Es ist ganz typisch, dass man räumliche Häufungen von Infektionen sieht und die treten wahrscheinlich nicht zufällig auf. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch die USA, Indien, Brasilien oder Großbritannien. Für all diese Länder gibt es Studien, die zeigen, dass insbesondere ärmere Viertel mit einer schlechteren Infrastruktur häufiger betroffen sind. Dazu kommen noch weitere Faktoren. Wo wohnen denn die Pflegekräfte, die – wie wir alle wissen – nicht zu den Spitzenverdienern gehören, obwohl sie es sollten? Gerade die Beschäftigten, die derzeit den Laden am Laufen halten, haben ein deutlich höheres Infektionsrisiko. Sie wohnen aber eben auch häufig in diesen ärmeren Stadtvierteln und bringen die Risiken dorthin mit.

Wie könnten Unterstützungsangebote für Menschen, die in der Pandemie aufgrund sozioökonomischer Faktoren einem höheren Risiko ausgesetzt sind, aussehen?

Ich glaube hier ist ein lokaler und partizipativer Ansatz ganz wichtig. Bisher kenne ich da nur ein Modellprojekt aus Bremen, das direkt in besonders stark betroffene Viertel geht. Bei Infektionskrankheiten ist die Schwierigkeit, die Orte zu identifizieren, an denen Menschen sich infizieren. Um das herauszubekommen, muss man mit den Leuten reden. Ist das Problem die zu kleine Wohnung oder dass die Kinder alle zusammen draußen auf dem Spielplatz sind, weil man keinen Garten hat? Kann man das irgendwie entzerren? Oder gibt es nur einen Supermarkt, in dem sich alle tummeln? Antworten auf solche Fragen kann man nur bekommen, indem man direkt vor Ort mit den Leuten spricht und sich deren Ideen anhört. Dabei ist es ganz wichtig, die Leute so anzusprechen und aufzuklären, dass sie es auch verstehen. Man muss den Menschen auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam mit ihnen überlegen: Was ist eigentlich das Problem und was können wir tun?

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