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03.09.2018 11:38

Politische Bildung für Partizipation und Demokratie in der Arbeitswelt


Die Seminarleiter und Masterstudierenden des Studienprogramms MaRAWO sowie die Gäste von Arbeit und Leben NRW nach der Ergebnisdiskussion an der Ruhr-Universität Bochum.

Tim Harbecke, Günter Schneider, Manfred Wannöffel

Betriebliche Interessenvertretungen vor neuen Herausforderungen – Das Forschungsmodul „Arbeit, Partizipation und Qualifizierung“ an der Ruhr-Universität Bochum

Digitalisierung, indirekte Steuerung, Outsourcing, Leiharbeit und Werkverträge sowie die Zunahme psychischer Erkrankungen sind nur einige Beispiele für gravierende Veränderungen in der Arbeitswelt, mit denen sich betriebliche Interessenvertretungen kontinuierlich auseinandersetzen müssen. Daher benötigen sie ein vielfältiges Repertoire an Fach- und Methodenkompetenz zur Bewältigung ihrer täglichen Aufgaben. Gute Innovationsbeiträge setzen allerdings entsprechende Kompetenzen und Qualifikationen der Betriebsräte voraus. Die Möglichkeiten betrieblicher Interessenvertretungen müssen daher Gegenstand arbeitspolitischer Bildung für diese Personengruppe sein (Bürgin 2013: 214).

Wie die gewerkschaftliche Bildung darauf reagiert, war Thema des zweisemestrigen Forschungsmoduls „Arbeit, Partizipation und Qualifizierung“ im Masterprogramm „Management und Regulierung von Arbeit, Wirtschaft und Organisation (MaRAWO) “ an der Fakultät für Sozialwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Das Pilotprojekt forcierte den Transfer von Praxis und Wissenschaft, sodass den Studierenden neben Methodenkenntnissen zur Forschungsarbeit auch praxisnahe Inhalte der Erwachsenenbildung und der betrieblichen Mitbestimmung vermittelt wurden. Ausgehend von einer Analyse der veränderten politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen wurden die theoretischen Grundlagen der Bildungsangebote diskutiert. In den Semesterferien realisierten die Studierenden die folgenden empirischen Studien bei ausgewählten, im Untersuchungszeitraum angebotenen, Bildungsseminaren.

  • Wege in die Betriebsratsarbeit
  • Tarifvertragliche Öffnungsklauseln
  • Mitbestimmung beim betrieblichen Eingliederungsmanagement
  • Diversity Management
  • Projektarbeit

Darüber hinaus entwickelte jedes Forschungsteam im Rahmen der Hospitationen und der Interviews mit den Teilnehmenden eigene didaktische Ansätze zur Weiterentwicklung der Bildungsarbeit.

Bekanntes und neue Erkenntnisse

Nach Abschluss der Feldphase und Auswertung des gewonnenen Materials lassen sich folgende ausgewählte Ergebnisse festhalten:

Die Forschungsgruppe Wege in die Betriebsratsarbeit untersuchte das Selbst- und Rollenverständnis von Betriebsratsmitgliedern auf der individuellen Ebene mit einem explorativen Forschungsdesign. Es stellte sich heraus, dass die interviewten, neu gewählten, Betriebsräte ein bestimmtes Rollenbild im Betriebsrat aufweisen, das sich in ihrem bisherigen Lebenslauf unbewusst ausgebildet hat und den klassischen Aufgaben und Anforderungen der Betriebsratsarbeit gelegentlich entgegenstand.

Die Ergebnisse der Forschungsgruppe Mitbestimmung beim betrieblichen Eingliederungsmanagement bestätigte die steigende Zahl psychischer Erkrankungen in Unternehmen. Bei den befragten Betriebsratsmitgliedern gab es einerseits einige Gremien, die wenig Erfahrungswissen bezüglich des Betrieblichen Eingliederungsmanagements vorweisen konnten, andererseits aber auch einige, die das BEM-Verfahren regelmäßig anwenden und auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen können. Allerdings versuchen alle befragten Betriebsräte ihre Mitbestimmungsmöglichkeiten zu nutzen.

Die Ergebnisse des Forschungsteams Diversity Management decken sich mit den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen der Gleichstellungsforschung. Einerseits wurden rechtliche Änderungen vom Gesetzgeber formal in Kraft gesetzt, die eine Gleichstellung der Geschlechter in der Arbeitswelt forcieren können, andererseits herrschen auf der betrieblichen Ebene in diesem Bereich real noch erhebliche Defizite. Das Thema Geschlechtergerechtigkeit wird vonseiten des Arbeitgebers gerne aufgegriffen, um nach außen das Bild eines fortschrittlichen modernen Unternehmens zu suggerieren, allerdings scheitert eine konsequente Umsetzung meist in der Umsetzungspraxis. Die Ungleichheit wurde insbesondere bei einer Betrachtung der Karrieremöglichkeiten weiblicher Beschäftigter mit Kindern deutlich.

Analytisch, politisch und an der Praxis orientiert - Anregungen für die Bildungsarbeit

Aus den Ergebnissen konnten einige Handlungsempfehlungen abgeleitet werden.
Zur Begegnung der Unsicherheit und Unklarheit von zukünftigen Betriebsratsmitgliedern bezüglich ihrer eigenen Rolle erscheint es notwendig mit den Teilnehmenden die Rolle des Betriebsrates im Unternehmen noch intensiver auszuarbeiten und vorhandene, strukturelle Widersprüche zu thematisieren. Der darüber hinaus anzutreffenden Unsicherheit bezüglich der (fachlichen) Aufgaben im Betriebsratsamt kann mit einer systematischen Weiterbildungsplanung des Betriebsratsgremiums in Koordination mit der Weiterbildungseinrichtung begegnet werden. Weiterhin ist es nicht überraschend, dass bei den Maßnahmen zur Gleichstellung der Geschlechter dem Thema Arbeitszeit eine herausragende Rolle zukommt. Neben den aktuellen Vorstößen vonseiten der Politik (Rückkehrrecht in Vollzeit) und den Gewerkschaften (Reduzierung der Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden) liegt es auch an den Betriebsratsmitgliedern, dieses überaus komplizierte Thema weiter zu gestalten.

Gleichermaßen gilt dies für die Themen „Betriebliches Eingliederungsmanagement“ und „Projektmanagement“. Letzteres ist insbesondere im Hinblick auf den zunehmenden Einsatz von „agiler“ Projektarbeit besonders aktuell. Hier wird es neben der Vermittlung der Kenntnisse über den Einsatz agiler Methoden und Projektarbeit auch um eine rechtliche Positionierung gehen, denn die traditionelle Mitbestimmung ist an feste Abläufe gebunden, die mit den neuen Formen nicht immer kompatibel sind.

Zusätzlich sollten die Bildungsseminare vermehrt unter Einbezug von digitalen Lernplattformen begleitet werden. Das Kursmanagementsystem Moodle wird bereits bei neuen gemeinsamen Weiterbildungsreihen erfolgreich genutzt. Zudem ist zu prüfen, inwieweit sich eine Seminarbegleitung durch eine Lernplattform anbietet und ob dieses Modell in Zukunft vermehrt nachgefragt wird.

Zusammenfassend unterstreichen die Erkenntnisse die Bedeutung von Weiterbildungsangeboten für die betriebliche Interessenvertretung. Diese kann ihren Aufgaben im Unternehmen nur mit angemessener politischer Bildung gerecht werden. Im Hinblick auf die eingangs angesprochenen Herausforderungen ist ein umfangreiches und spezialisiertes Weiterbildungsangebot auch in Kooperation mit Hochschulen und Universitäten angesagt, um erfolgreich Partizipation und Demokratie im Unternehmen dauerhaft zu leben.

Literatur

Bürgin, Julika (2013): Gewerkschaftliche Bildung unter Bedingungen indirekter Arbeitssteuerung. Zweckbildung ohne Gewähr. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot.

Autoren

Manfred Wannöffel, geb. 1956, Prof. Dr., Geschäftsführer der Gemeinsamen Arbeitsstelle RUB/IGM der Ruhr-Universität Bochum (manfred.wannoeffel@rub.de); Aktuelle Arbeitsschwerpunkte: Transdisziplinäre Mitbestimmungsforschung.

Günter Schneider, geb. 1953,  Berater von Betriebsräten für Arbeit und Leben DGB/VHS NRW, Lehrbeauftragter an der Ruhr-Universität Bochum (guenter.schneider@aulnrw.de); Aktuelle Arbeitsschwerpunkte: Arbeit 4.0., Agile Unternehmen, Personalentwicklung für Betriebsräte.

Tim Harbecke, geb. 1987, Mitarbeiter bei der Gemeinsamen Arbeitsstelle RUB/IGM der Ruhr-Universität Bochum (tim.harbecke@rub.de); Aktuelle Arbeitsschwerpunkte: Arbeitsorganisation, Qualifizierung, Industrie 4.0.


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